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Florian Stich aus Steinheim in Barcelona, Spanien In nur 15 Minuten am Strand

    
    
Als ich vor etwas über 14 Jahren nach Barcelona zog, wollte ich sichergehen, dass ich nicht wie zuvor in London am Stadtrand wohne, wo alle drei Minuten ein Flugzeug so nah über das Dach rauschte, das bei offenem Fenster die Gardinen im Luftzug wehten.

Diesmal sollte es zentral sein, mittendrin, dort wo das südländische Leben den Rhythmus bestimmt. Von diesem Rhythmus habe ich dann auch gleich mehr abbekommen, als ich erwartet hatte. In meiner ersten Woche feierte Gracia das jährliche Fest, bei dem die Straßen nach frei gewählten Themen mit unglaublichem Aufwand geschmückt werden. Das kann eine Unterwasserwelt sein oder Hitchcocks „Die Vögel“ – und man findet sich dann von hunderten liebevoll designten Papiertauben umgeben und sogar einer Telefonzelle, in der man für Fotos posen kann, während wütendes Federvieh die Scheiben einzuschlagen scheint. Dass in dieser ersten Arbeitswoche in der katalanischen Metropole die Leute dann direkt vor meinem Fenster regelmäßig bis um fünf Uhr morgens ihr Liedgut zum Besten geben, hatte ich ebenfalls nicht erwartet.

Lärm scheint hier so etwas wie das fünfte Element zu sein. In jeder Bar und jedem Heim läuft ein Fernseher. Hintergrundrauschen nennt man das wohl, selten war ein Begriff passender. Ähnlich ungewöhnlich fand ich die Gesprächskultur, speziell bei den Argentiniern, die mich zwischenzeitlich adoptiert zu haben schienen. Es ging weniger darum was besprochen wurde, sondern eher um den sozialen Kontakt.
  
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Aktiv an diesem Austausch teilzunehmen war mir zu Beginn unmöglich. Sobald ich mir mit meinem damals noch spärlichen Spanisch einen Satz zurechtgelegt hatte, musste ich feststellen, dass bereits wiederholt das Thema gewechselt hatte. Sätze wurden von einem angefangen und von anderen beendet. Alle schienen zur gleichen Zeit zu sprechen – und am Ende fragte man mich leicht enttäuscht, warum ich denn so still sei.

Richtig bewusst wurde mir erst, dass ich immer ein Steinheimer bleiben würde, als mich ein katalanischer Freund im Hause meiner Eltern besuchte. Während er sich am Tag noch über lokale Wurst und das gute Brot erfreute, als hätte er noch nie etwas Richtige zu essen bekommen, bat er dann aber zur Nacht, ob wir nicht den Fernseher oder das Radio anmachen könnten, ihm wäre die Stille unheimlich.

Mit einer Größe von 1,80 Metern rage ich in Heidenheim nicht wirklich aus der Masse heraus aber hier am Mittelmeer verfüge ich über Superkräfte. Speziell ältere Herrschaften im Supermarkt machen von meiner mir zuvor unbekannten Gabe Gebrauch. „Du bist doch groß. Reich mir doch mal die Dose vom Regal herunter.“ Der schwäbische Kavalier eilt gerne zur Rettung.

Jeder Held ist aber auch verwundbar. Die Taschendiebe sind speziell am Wochenende unterwegs, wenn die Leute durch die Bars und Restaurants der Stadt ziehen oder an Orten, wo sich Touristen sammeln. Meine Frau, die in Buenos Aires aufgewachsen ist, scheint einen sechsten Sinn dafür zu haben und veranlasst uns schon mal, die Straßenseite zu wechseln. Dass wir seit Minuten von zwei dubiosen Typen verfolgt wurden, war zuvor meinem Ostalb-Radar entgangen. In einer ansonsten recht sicheren Stadt, sind die Katalanen, ähnlich wie die Schwaben, eher zurückhaltend, was sich leider auch im Fußballtempel „Camp Nou“ am deutlichsten auswirkt. Wenn knapp 100 000 Besucher das Spiel betrachten und dabei entspannt ihren „Bocadillo“ kauen, dann kann man ohne jegliche Übertreibung feststellen, dass es beim FCH auf dem Schlossberg lustiger und lauter zugeht. (Außer vielleicht, wenn Messi mal wieder drei Tore schießt). Die Erinnerungen an den heimischen Fußball und die eigene glorreiche Karriere, waren auch für mich der Auslöser, das Kinderbuch „Eine wahre Fußballgeschichte“ zu schreiben, welches übrigens auch im Pressehaus der Heidenheimer Zeitung erhältlich ist.

Selbst nach so vielen Jahren in Barcelona ist die Begeisterung darüber, dass man in 15 Minuten am Strand ist, nicht abgeklungen. Erst recht, mit zwei Kindern, die den Sommer über kaum aus dem Wasser zu bekommen sind und an einem Weltrekord im Muscheln sammeln zu arbeiten scheinen. Wenn man dann in der Küche oder dem Wohnzimmer steht und von dort aus aufs Meer blicken kann, dann stellt man fest, dass man sich seinen Traum, der in der Jugend im Steinheimer Becken Gestalt annahm, erfüllt hat.
   
Ökumenische Sozialstation Heidenheimer Land
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Reifen Arnold

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